Nordsee

Nordseeküsten-Radweg

400 km Nordseeküsten-Radweg

400 km Nordseeküsten-Radweg 1274 515 Wiegetritt Cycle Components

Mitte Juni fühlte sich in diesem Jahr schon wie Oktober an. Anfang Juli sogar mit passendem Wetter, von den vorhergesagten trocken und heißen Sommer war damals auch nichts zu sehen. Kein schlechtes Wetter um ein Teilstück des Nordseeküsten-Radweg zu fahren. Motivations-Push: Neue Schuhe, Shimano RC901.

Der Plan: 400 km Nordseeküsten-Radweg

Der Plan: Nordseeküsten-Radweg, Abschnitt von Bremerhaven bis Emden und von da aus noch zwei Tage Gammeln am Sandstrand. Freitag alles gepackt, gecheckt, geölt, Montag 5h aufstehen, gut frühstücken und los. Die Realität: Die letzten vier Wochen war ich vergleichsweise wenig Zeit auf dem Rad, dann auch noch der Sturz, vorsorglich habe ich die Strecke auf 300 Kilometer verkürzt. Die Wetterapps bleiben auch am Morgen bei 20+ km/h Nord-Westwind, das bedeutet 150 km Gegenwind und 100 Rückenwind. Da rede ich mir noch ein, dass das eine gute Voraussetzung ist, wieder auf Touren zu kommen.

Nach der Fähre über die Weser geht es zielstrebig durch die sogenannte Wesermarsch. Das ist eine eher ländliche Gegend rechts des Fluß Weser und teils typisch Nordeutschen Bauernhöfen. Bevor ich am Südufer der 200 km² großen Bucht Jadebusen ankomme, muss ich eine aufgerissene Straße umfahren. Ich folge brav der Umleitung, die mich auf einen Kilometer gerade frisch renovierte Landstraße führt. Der Schotter klebt an meinen Reifen und es kommt, wie es kommen muss. Mehrere Löcher im Hinterrad und die Tubeless Milch schafft das nicht. Ich wechsle auf Schlauch. Kein schönes Ende des ersten Teilstücks.

Idyllische Örtchen

Der Nordseeküsten-Radweg D1 verläuft insgesamt 928 Kilometer von Dänemark bis zu den Niederlanden. Die City von Wilhelmshaven ist vorausschauend ausgespart, denn die Stadt wurde im 2. Weltkrieg 102 Mal bombardiert und zu 2/3 zerstört. Entsprechend ist hier kein episches Raderlebnis zu erwarten. Ich fahre durch idyllische Örtchen, aber auch auf vielbefahrenen Landstraßen. Erste Lustlosigkeit macht sich bei mir bemerkbar, denn weder die Umgebung noch die Straße macht es spaßig. Jonas Deichmann der im September einen Triathlon rund um die Welt macht, erzählt immer, dass man sich kleine Ziele setzten muss. Ja, seine kleinen Ziele sind vermutlich meine gesamte Tour. Inzwischen sind meine kleinen Ziele die nächste Abbiegung und die Hoffnung auf eine windgeschütztere Straße.

Wenigstens scheint die Sonne. Innerlich bin ich froh, als ich das rostige Klingeln der kleinen Kanalbrücke vor mir höre. Das bedeutet mindestens 15 Minuten warten, bis die kleine Brücke sich aufdreht, drei Schiffe vorbei fahren und die Brücke wieder zu ist. Pause. In fünf Kilometer verläuft die Route nach links. Bald werde ich entlang der Küste fahren und die Inseln Wangerooge und Spiekeroog sehen. Endlich echte Nordsee mit salziger, klarer Luft. Auch der Wind folgt meiner Route und dreht jetzt passend fast direkt von Westen. Er hat mich besiegt, endgültig geschlagen und ich halte an einer Fischbude am Sporthafen Wangerland. Krabbenbrötchen zum Tagespreis von 8 Euro. Eine gebrechlich wirkende Dame fragt am Nachbartisch, ob sie sich dazu setzten darf. Die acht leerstehenden Tische sind ihr nicht sonnig genug. Corona gibt es für sie nicht.

Schafe, Gegenwind und neue Schuhe

Von hier sind es nur noch 50 Kilometer bis Bensersiel, meinem richtigem Zwischenziel, aber es geht endlos geradeaus. Der Asphalt am Deich ist ok, wechselt sich aber mit aneinander gereihten Betonplatten ab. Im Gegensatz zur Weser verlaufen die Deichstraßen durch die Schafsweiden. Zuerst fahre ich langsam und vorsichtig an ihnen vorbei. Doch die hier sind es gewohnt und ignorieren Radfahrern. Ich wusste, dass die Tour spätesten hier eher zur Bike Packing Qualität wird, aber ich hatte nicht so eine zähe Aktion erwartet. Der Headwind zermürbt mich Kilometer um Kilometer mehr. Um mich abzulenken fange ich an, über Rennradschuhe nachzudenken. Bisher fällt mir nichts auf, was es an den Shimano SH901 auszusetzen gäbe. Warum hab ich die nicht schon früher anprobiert. Shimano hat schon lange kapiert, dass der mitteleuropäische Fuß eben nicht der lang und schmalen Mode folgt.

Endlich an der Nordsee

Lassen sich die Inseln an den Silhouetten unterscheiden? Wahrscheinlich schon, wenn ich mich damit befasst hätte. Mit der Insel Spieckeroog beginnt Ostfriesland. Home of Otto, wieder so ein Klischee. Der ist nämlich gar nicht hier oben zuhause, sondern kommt aus dem 50 Kilometer landeinwärts entfernten Emden. Ostfriesland, Schafe, Deiche, Häuser mit Reetdach, der alte Mann mit dem vom Seewasser zerfurchtem Gesicht und der typischen Pfeife im Mund. Nur gibt es das alles nicht auf meiner Route!

Die sehr breite Betonfläche auf der Meerseite des Deich erinnert mich an eine Bunkeranlage in den schweizer Bergen. Das hier ist also der Nordseeküsten-Radweg D1! Der Asphalt wechselt von grob zu ausgebessert und junge Kids und ihre Eltern fahren auf der Schräge rauf und runter ohne sich auch nur einmal umzudrehen. In festen Abständen sind Fähranleger zu den Inseln, Fressbuden, Eingänge zu den Strandkorbstränden und dazwischen Watt. Wenn das Wasser weg ist, wird aus dem Postkartenbild eine endlose Schlammfläche mit unbestimmter braun-grauen Farbe.

Mir reichts und ich nehme die erstbeste Gelegenheit zum Weg auf der Landseite vom Deich. Als das dann auch an einem verschlossenen Zaun endet, wechsel ich endgültig auf die Landstraße. Tschüss Nordseeküstenidylle, die zumindest auf meiner Strecke sowieso nicht da ist.

Der längste Tag

150 Kilometer gegen den Wind liegen hinter und der Hafen von Bensersiel vor mir. Ich fühle mich wie der Typ im Film ‚Soweit die Füße tragen“. Während der erste Teil durch die Wesermarsch eine gute Rennradstrecke war, ist der Rest auf der North Sea Cycle Route was für Sightseeing mit dem Gravel Bike und noch besser: Ein E-Bike. Weil mir mein Dachschaden noch präsent war, frage ich mich, warum so viele Leute ohne Helm fahren. Eltern, Großeltern oben ohne, aber die Kinder müssen. Da sind die Antivorbilder wie Anschnallen in den frühen 80ern oder Rauchen. Eine ältere Dame spreche ich freundlich an, weil ihr Mann einen Helm trägt und sie nicht. Ich weiß nicht, ob ihre Zustimmung echte Einsicht oder nur Höflichkeit war. Noch fünf Kilometer.

Sandstrand

So, nun sitze ich am Sandstrand. Weil ich irgendwann in den vergangenen fünf Stunden mein Vorhaben aufgegeben habe, bin ich depressiv. Nordseeküsten-Radweg gefiel mir nicht. Auch dass ich von 400 auf 300 verkürzt und dann auch noch eine Abkürzung genommen habe, macht mich unzufrieden. Wobei sich das zumindest als gute Vorahnung herausgestellt hat. Jedes Mal wenn ich mich in meinem Liegestuhl an der Strandbar bewege, verfluche ich, dass ich nach dem Crash vor acht Tagen nicht sofort mit Dehnübungen angefangen hab. Rücken und Nacken sind verspannt. Die Prellung am Steißbein bliebe aber so oder so. Der blaue Himmel, die leichten Wellen und die Sonne sind heute nur ein semigutes Seelenpflaster.

Ich vergrabe meine Füße im warmen Sand und entscheide heute nicht weiterzufahren.

Der Autor: Andi sagt, er wären heute in seinem dritten Rennradleben. Damals in seiner Heimat Wien fand er nach paar Radrennen in Kinderschuhen BMX und später Skateboard cooler. Kurz vor 30 legte er nochmal mit dem Rennrad los, aber wenig ambitioniert. Job, Familie, mehrere Umzüge waren wichtiger. Später verbrachte Andi seine Freizeit gut 10 Jahre unterwasser, vor allem Wracks und später Höhlentauchen hatten es im angetan. In der Zeit produzierte er auch drei Dokus und schrieb für einige Fachzeitschriften. Nach einem Ausflug in die ganz andere Richtung, nämlich mit einem kleinen Flugzeug fliegen und aus einem etwas größeren auch rausspringen versuchte er sich auf dem Golfplatz. Schlussendlich gings über den Umweg Mountainbike wieder zum Rennrad. Über ein Jahr war er Resident im Podcast Rennrad-WG vom Blog cyclingclaude.de. Am liebsten fährt er mit seinem Giant TCR und bergauf.

© Wiegetritt

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